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Über den Autor - Ein Essay

Auszug

Ein Autor ist der Verfasser eines Textes. Doch ist er auch Urheber seines Textes? Wenn ich einatme und ausatme, liegt es nicht an mir, dass ich atme. Wenn mein Herz schlägt und meine Leber und Niere arbeiten, liegt es nicht an mir, dass es so und nicht anders geschieht. Wie kann ich annehmen, dass es an mir liegt, dass ich ein Buch schreibe? Ist es vielmehr, dass die Natur, wie sie mich geschaffen hat, will, dass ich schreibe? So bin ich ausführende Kraft und Urheber ist jemand anders, der Fluss des Lebens, die Geschicke, die zusammenkommen. Ist meine persönliche Geschichte wichtig im Prozess des Schreibens? Oder sind all diese Informationen, diese Artefakte meines Lebens, nur Beiwerk eines anderen, größeren Kerns? ... Schreiben ist im wesentlichen Rhythmus, und wir, als Leser, reagieren auf Rhythmen vielmehr als auf Informationen. Nur sind wir uns dessen nicht bewusst. Ein gutes Kunstwerk hat man dann vor sich, wenn es einen bewegt. Und diese Bewegung ist ein Rhythmus, ein eigener Herzschlag, der einen lenkt und unser Lebensgefühl für einige Augenblicke verändert. In besonderen Fällen, etwa wenn ich Der Rosengarten von Sa´di lese, kommt es mir vor, als brächten mich nur wenige Zeilen dieses Werkes in Harmonie. Es ist dann eine Stille, die ich in mich aufnehme, keine Information. Oft kann ich mich an den Inhalt eines Buches viel weniger erinnern, als an seine Stimmung, seinen Herzschlag, an den Takt, in dem schlug. Es kommt nicht auf den Autor an, noch auf seine individuelle Geschichte, ob ein Kunstwerk gelingt oder nicht gelingt. Vielmehr handeln die allgemeinen Geschicke durch ihn. Stehen sie günstig, so gelingt es dem Schriftsteller, in einen Fluss zu treten, abzutreten aus diesem Leben, und etwas wiederzugeben, was alle Erscheinungen verbindet. Dies ist der Rhythmus des Lebens, dem wir alle unterworfen sind. Ihn zu treffen, ist nicht Aufgabe des Schriftstellers, doch es ist sein Glück, diesem Rhythmus zu begegnen und ihn in Worte zu wandeln. Auch der Leser kann nun daran teilhaben, und es ist ihm möglich, wie bei mir und der Lektüre von Sa´di, in Stille zu kehren, in eine neue Harmonie zu treten. Nicht immer gelingt dieser zauberhafte Akt. Doch ich hoffe, mit meinen Büchern, Ihr Lebensgefühl und die Stimmung Ihres Lebens durch einen neuen Impuls zu erweitern. Es liegt gewiss nicht an mir. Sondern am Geschick, und ob es uns erlaubt, dass wir uns erkennen und verbinden.

© 2016, RAKI

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